International Communication ·
Portugal als Expansions- oder Verlagerungsland
Portugal taucht in fast jeder Standortdiskussion deutscher Mittelständler auf, meist aus zwei Gründen, die nichts miteinander zu tun haben: günstige mehrsprachige Teams in Lissabon und Porto, und ein Steuersatz von 5 Prozent auf Madeira. Beides stimmt. Beides hat Bedingungen, die man kennen muss, bevor man ein Flugticket bucht.
Zwei Länder in einem
Wer Portugal als Standort bewertet, bewertet eigentlich zwei verschiedene Angebote.
Das Festland ist ein Dienstleistungs- und Technologiestandort mit vergleichsweise niedrigen Arbeitskosten, EU-Recht, Euro, einer Stunde Zeitverschiebung und guter Fluganbindung. Das ist das Angebot für Unternehmen, die Teams aufbauen wollen: Kundenservice, IT, Entwicklung, Backoffice.
Madeira ist etwas anderes. Die Insel hat mit dem International Business Centre ein Steuerregime, das innerhalb der EU seinesgleichen sucht. Das ist das Angebot für Unternehmen, deren Geschäft nicht an einen Ort gebunden ist: Dienstleistungen, Lizenzen, digitale Modelle.
Wer beides in einen Topf wirft, trifft die falsche Entscheidung. Wer beides getrennt prüft, findet oft, dass eines davon passt.
Das Festland: Teams zu einem Bruchteil der deutschen Kosten
Die Zahl, die alles einordnet: Eine Arbeitsstunde inklusive Sozialabgaben kostet in Portugal nach Eurostat rund 18 Euro, in Deutschland rund 43 Euro. Portugal liegt damit bei etwa 42 Prozent des deutschen Niveaus. Nicht bei 50 oder 60 Prozent, wie oft behauptet wird, sondern darunter.
Lissabon und Porto haben sich in den letzten Jahren zu den führenden mehrsprachigen Service- und Tech-Standorten Europas entwickelt. Fast jeder große deutsche Konzern betreibt dort deutschsprachige Teams. Typische Vollkosten: deutschsprachige Servicemitarbeiter zwischen 1.800 und 2.600 Euro im Monat, Entwickler zwischen 3.500 und 5.500 Euro.
Der deutschsprachige Talentpool speist sich dabei stark aus zugezogenen Muttersprachlern. Portugal ist als Lebensmittelpunkt attraktiv, das erleichtert Entsendungen und eigene Anwerbung. Es hat aber eine Kehrseite: Die Fluktuation im Servicebereich ist hoch, und wer über einige Dutzend deutschsprachige Mitarbeiter hinaus skalieren will, braucht Vorlauf. Polen oder Tschechien haben hier den größeren Pool.
Die Körperschaftsteuer auf dem Festland liegt 2026 bei 19 Prozent, gesetzlich beschlossen sinkt sie 2027 auf 18 und 2028 auf 17 Prozent. Kleine und mittlere Unternehmen zahlen auf die ersten 50.000 Euro Gewinn einen reduzierten Satz. Dazu kommen kommunale Zuschläge. Für Unternehmen mit eigenen Patenten oder Software gibt es zusätzlich eine Patentbox, die 85 Prozent der Einkünfte aus geistigem Eigentum von der Steuer freistellt. Damit liegt Portugal unter Deutschland, aber nicht so weit, dass die Steuer allein die Verlagerung rechtfertigen würde. Der Hebel auf dem Festland sind die Menschen, nicht die Steuer.
Für zuziehende Fachkräfte und Führungskräfte gibt es mit dem IFICI ein Nachfolgeregime des früheren NHR-Status, das qualifizierte Zuzügler für begrenzte Zeit steuerlich begünstigt. Wer eigene Mitarbeiter entsendet oder Führungskräfte nach Portugal holt, sollte das in die Kalkulation einbeziehen.
Madeira: 5 Prozent, aber nur mit Substanz
Das International Business Centre Madeira gewährt 5 Prozent Körperschaftsteuer auf Einkünfte aus Auslandsgeschäft. Das Regime ist von der EU beihilferechtlich genehmigt und bis 2033 verlängert. Es ist also kein Graubereich, sondern ein von Brüssel abgesegnetes Instrument.
Die Bedingungen sind der Punkt, an dem die meisten Überlegungen enden oder beginnen:
Echte Substanz. Je nach Gewinnhöhe müssen ein bis sechs oder mehr Arbeitsplätze auf Madeira geschaffen werden, teilweise verbunden mit Investitionen. Ein Briefkasten scheitert, und zwar an zwei Stellen: in Portugal bei der Kontrolle der Substanzanforderungen und in Deutschland beim Außensteuergesetz.
Nur Auslandsgeschäft. Der Satz gilt für qualifizierendes Geschäft außerhalb Portugals und innerhalb festgelegter Obergrenzen. Umsätze in Portugal selbst werden regulär besteuert.
Der deutsche Blick. 5 Prozent liegen unter der deutschen Niedrigsteuergrenze von 15 Prozent. Damit greift grundsätzlich die Hinzurechnungsbesteuerung, mit der Deutschland ausländische Gewinne nachversteuert. Innerhalb der EU gibt es dafür den Substanz-Escape: Wer eine echte wirtschaftliche Tätigkeit vor Ort nachweist, entkommt der Hinzurechnung. Bei realem Aufbau ist das gut erreichbar. Ohne ihn nicht.
Kurz: Madeira funktioniert für Unternehmen, die bereit sind, dort tatsächlich zu arbeiten. Für alle anderen ist es eine teure Enttäuschung.
Was für Portugal spricht
- EU-Recht, Euro, Doppelbesteuerungsabkommen mit Deutschland. Keine Währungsrisiken, keine Zollgrenzen, bekannte Rechtsgrundlagen.
- Gründung in Tagen. Eine portugiesische Lda. lässt sich über das Verfahren „Empresa na Hora" innerhalb weniger Tage gründen, das Mindestkapital liegt faktisch bei einem Euro je Gesellschafter.
- Energie und Rohstoffe. Sehr günstiger Wind- und Solarstrom, Sines entwickelt sich zum Wasserstoff- und Industriehafen. Dazu Europas größte Lithium-Reserven (Barroso-Projekt, politisch umstritten) und Kupfer aus Neves-Corvo. Für energieintensive Vorhaben und Zulieferer der Batterie- und Rohstoffkette ein Argument.
- Ökosystem. Lissabon und Porto haben ein lebendiges Tech-Umfeld, Nearshoring-Erfahrung, das Umfeld des Web Summit und internationale Konzerne als Nachbarn.
- Erreichbarkeit. Gute Flugverbindungen von Lissabon, Porto und Funchal nach Deutschland, eine Stunde Zeitunterschied.
Was gegen Portugal spricht
- Justiz. Gerichtsverfahren sind langsam. Wer streitanfällige Verträge hat, sollte das einplanen.
- Talentpool bei Skalierung. Für sprachkritische Prozesse in großem Umfang sind osteuropäische Standorte breiter aufgestellt.
- Madeira nur mit Aufwand. Lizenzierung, lokale Buchhaltung, Substanzarbeitsplätze: alles kalkulierbar, aber nicht kostenlos.
- Fluktuation. Im Servicesegment hoch, was Einarbeitungskosten treibt.
Für wen sich Portugal eignet
Ja, wenn Sie deutschsprachigen Kundenservice, IT oder Backoffice mit zehn bis einigen Dutzend Mitarbeitern aufbauen wollen und Kosten deutlich unter Deutschland suchen, ohne die EU zu verlassen.
Ja, wenn Ihr Geschäftsmodell ortsunabhängig ist, Sie international verkaufen und bereit sind, auf Madeira ein echtes Team aufzubauen. Dann ist das Steuerregime dort eines der besten legalen Angebote Europas.
Nein, wenn Sie einen Steuersatz suchen, ohne vor Ort etwas zu verändern. Das scheitert in beiden Ländern.
Nein, wenn Sie hunderte sprachkritische Arbeitsplätze in kurzer Zeit brauchen. Dafür ist der Pool zu klein.
Was das für Sie heißt
Standortentscheidungen scheitern selten an der Steuer und selten an den Lohnkosten. Sie scheitern an dem, was dazwischen liegt: Substanzanforderungen, Rekrutierung, Fluktuation, Justiz, Abstimmung mit dem deutschen Finanzamt. Wer Portugal nur über den Steuersatz oder nur über den Stundenlohn bewertet, sieht die halbe Rechnung.
Wir bewerten Standorte im APEX Compass anhand von Länderprofilen, die Steuern, Arbeitskosten, Rechtsrahmen, Umsetzung und Risiken aus deutscher Sicht zusammenführen und regelmäßig gegen die Quellen geprüft werden. Wenn Portugal oder ein anderes Land für Sie im Raum steht, gehen wir das Profil in der kostenfreien Erstanalyse mit Ihnen durch.
Angaben mit Stand September 2026. Vor einer Umsetzungsentscheidung sind die Werte tagesaktuell zu prüfen und lokale Berater einzubinden.
Quellen
Die Angaben in diesem Beitrag beruhen auf dem Länderprofil Portugal im APEX Compass (kuratierter Stand Juli 2026, Aktualitätsprüfung am 6. September 2026). Das Profil stützt sich auf folgende Quellen:
- PwC Worldwide Tax Summaries, Portugal: Steuersätze, Steuerregime, Präferenzmodelle, Absenkungspfad der Körperschaftsteuer (Lei 64/2025)
- GTAI, Germany Trade & Invest, Portugal: Wirtschaftsumfeld, Branchenchancen, Recht und Zoll aus Sicht deutscher Unternehmen
- GTAI, Löhne und Gehälter Portugal: Lohnniveaus und Lohnnebenkosten, Eurostat-Arbeitskosten 2024
- Eurostat, OECD, ILOSTAT: amtliche Arbeitskosten- und Lohnstatistik
- World Bank B-READY: Regulierung, Geschäftsumfeld, Verwaltungspraxis im Ländervergleich
- Kearney Global Services Location Index: Eignung als Standort für verlagerte Dienstleistungen
- Chambers Corporate Tax 2026, Bundesministerium der Finanzen, IBC Madeira (S.D.M.): Abgleich der steuerlichen Kernangaben
- Nationale Investitionsförderagenturen
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